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Christian Pentzold

Wissen ist Macht

Christian Pentzold ist wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Professur Medienkommunikation der Technischen Universität Chemnitz. Er erforscht dort die Online-Enzyklopädie Wikipedia. Dabei analysiert er die Entstehung von Artikeln vor dem Hintergrund, dass jedermann Texte einstellen oder verändern kann. Er arbeitet außerdem als Assoziierter Forscher am »Alexander von Humboldt«-Institut für Internet und Gesellschaft in Berlin.

Porträt Christian Pentzold

Christian Pentzold erforscht die Online-Enzyklopädie Wikipedia.
(© Franziska Kurz)

Wie sind Sie auf die Idee gekommen, die Online-Enzyklopädie Wikipedia zu erforschen?

Schon während meines Studiums habe ich mich für die Kommunikation und Zusammenarbeit über das Internet interessiert. Als ich dann auf der Suche nach einem Thema für meine Masterarbeit war, erlebte Wikipedia gerade einen rasanten Aufstieg. Die Community wuchs rasend schnell und produzierte enorm viele Beiträge.

Was hat Sie daran genau interessiert?

Die Besonderheit bei Wikis ist ja, dass jedermann Artikel schreiben und bearbeiten kann. Und genau da liegt auch die große Schwierigkeit, denn Bestand hat nur, was von allen Autoren akzeptiert wird. Dazu gibt es im Hintergrund teilweise heftige Diskussionen, wodurch viele Artikel ständig in Bearbeitung sind. Das fällt dem Nutzer auf den ersten Blick gar nicht auf. Genau dieser Entstehungsprozess hat mich interessiert.

Wie sind Sie bei Ihrer Studie vorgegangen?

Zuerst habe ich mir im Detail angeschaut, wie die Autoren einen Artikel schreiben. Wie sah die erste Fassung aus? Was wurde geändert? Das lässt sich anhand der Versionsgeschichte, die man sich für jeden Artikel anschauen kann, sehr gut nachvollziehen. Außerdem gibt es zu jedem Artikel eine Diskussionsseite, die ich verfolgt habe. Und schließlich habe ich untersucht, wie es die Autoren schaffen, ihre Ansicht zu etablieren. Ich habe mich gefragt, was passieren muss, damit es irgendwann bei einer Version des Artikels bleibt und nicht endlos weiter editiert wird. Inzwischen arbeite ich mit Kollegen an einer Verbindung dieser kleinen Studie mit einer Untersuchung großer Datenmengen. So erhalten wir einen besseren Einblick in die Vorgänge online.

Und was haben Sie herausgefunden?

Einerseits versuchen die Autoren, Koalitionen zu bilden und andere Positionen niederzudiskutieren. Das funktioniert aber nicht immer. Deshalb wurden mit der Zeit gewisse Regeln und Hierarchien geschaffen, um solche Edit Wars, also Editierkriege, zu unterbinden oder einzugrenzen. Das ist der eigentlich interessante Punkt, denn ursprünglich sollte das Projekt Wikipedia ja völlig offen sein und jeder sollte die gleichen Rechte haben. Mittlerweile versucht man nun, die Offenheit einzuschränken. Es hat sich einfach gezeigt, dass Interaktion auch immer gewisse Regeln erfordert. Beispielsweise wurden Administratoren eingeführt, die mehr Rechte haben als die Autoren.

Können Sie ein Beispiel nennen?

Administratoren können auf Antrag der Autoren zum Beispiel Artikel sperren, wodurch es im Prinzip eine Endfassung gibt und eine Bearbeitung nur noch eingeschränkt möglich ist. Die Administratoren fungieren somit als eine Art ausführende Gewalt. Mittlerweile ist ihre Zahl so groß, dass ihr Handeln von der Community gar nicht mehr zu kontrollieren ist. Da sie auch oft an der Formulierung der Regeln beteiligt sind, bilden sie praktisch Legislative, Exekutive und Judikative in einem. So gesehen kann man schlussfolgern, dass die oft gelobte Offenheit indirekt zu einer Geschlossenheit führt. Wenn viele mitmachen, muss auch viel geregelt werden. Das ist ein wirklich spannendes Forschungsfeld.

Seit Herbst 2012 sind Sie neben Ihrer Arbeit in Chemnitz außerdem am Humboldt Institut für Internet und Gesellschaft in Berlin tätig. Was erforschen Sie dort?

Ich bin dort in ein Projekt eingebunden, dass sich mit den veränderten Bedingungen für das Produzieren und Handeln von audiovisuellen Formaten befasst. TV-Formate wie »Deutschland sucht den Superstar«, »Let's dance« oder »Kochduell« füllen die Programme und sind ein wichtiger Wirtschaftszweig der Medienindustrie. Wir fragen danach, welche Veränderungen diese Branche im Blick auf Vernetzung und Digitalisierung erlebt und welche Strategien sie entwickelt hat, diese für sich zu nutzen.

Stand: Mai 2013

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